Vertrauenswürdigkeit - Prof. Dr. Norbert Pohlmann
Vertrauenswürdigkeit | |
![]() | Inhaltsverzeichnis Was ist Vertrauenswürdigkeit im digitalen Raum?
Was bedeutet das für Unternehmen? Sie müssen Wege finden das Vertrauen, das normalerweise zwischen zwei Menschen – aufgrund der Fähigkeit zur Empathie – entstehen kann, auf ihr Unternehmen zu übertragen. VertrauenswürdigkeitsmodellMit der Digitalisierung zeigt sich, dass eine starke Abhängigkeit zwischen Herstellern, Diensteanbietern und Nutzer entstanden ist. In dieser Wechselbeziehung kann letztendlich auch die Akzeptanz der IT-Technologie und einzelner IT-Lösungen sowohl positiv als auch negativ beeinflusst werden. Dabei greifen folgende Mechanismen: Einerseits, dass die Nutzer deutlich mehr prinzipielle Möglichkeiten zur Kontrolle der Handlungsweise und Leistung von Herstellern haben. Denn über die sozialen Medien können die Nutzer unmittelbar kundtun, wenn ihnen etwas missfällt oder bestimmte Aktivitäten der Hersteller beurteilen. Das heißt, den Nutzern steht ein Mittel der direkten Einflussnahme zur Verfügung. Andererseits haben die Nutzer – aufgrund der gestiegenen Komplexität – zunehmend weniger Möglichkeiten die IT-Lösungen zu durchdringen, was teilweise ihre Urteilsfähigkeit einschränkt und ihre Entscheidungsmacht verringert. Dadurch wird ihnen bei deren Einsatz eine höhere Vertrauensbereitschaft abverlangt. Dieser grundlegende, und für den Erfolg von IT-Lösungen und Unternehmen relevante Faktor muss aufgrund eines weiteren Parameters noch differenzierter betrachtet werden: Denn es gilt auch zu berücksichtigen, dass die Interessen der beteiligten Parteien teilweise diametral sind: Etwa dann, wenn der Hersteller möglichst viele Kundendaten mit seiner IT-Lösung generieren sowie für jegliche Zwecke verwenden möchte und dies weder im Sinne des Nutzers ist noch seinen Wünschen entspricht. Ob und in welchem Maße sich dieser Zielkonflikt auf die Vertrauensfähigkeit beziehungsweise -bereitschaft auswirkt, lässt sich nicht pauschal beantworten, da diese Eigenschaft individuell unterschiedlich ausgeprägt ist. Dabei spielen verschiedene weitere Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel, ob der Nutzer mit der Nutzung des Dienstes aus seiner Sicht ein hohes Risiko eingeht – aber ebenso, welche Intention er dabei verfolgt und ob für ihn die eigentliche Zweckerfüllung an erster Stelle steht. In jedem Fall ist davon auszugehen, dass der Nutzer jeweils alle für ihn relevanten Informationen generiert, die ihm als Kriterien für seine Entscheidungsfindung – und damit letztendlich zum Aufbau von Vertrauen – dienen können. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass die hohe Vertrauenswürdigkeit einer IT-Lösung sowie des Unternehmens notwendig ist, um die Akzeptanz für die IT-Lösung positiv zu beeinflussen. Generell kann davon ausgegangen werden, dass sich durch Vertrauenswürdigkeit die Kundenloyalität steigern lässt, was sich gleichzeitig auf die Akzeptanz aller Produkte/Dienstleistungen eines Unternehmens prinzipiell affirmativ auswirkt. ![]() Definition von Begriffen – VertrauenswürdigkeitVertrauen, Vertrauensgeber und Vertrauensnehmer: Vertrauen bezeichnet unter anderem die subjektive Überzeugung der Richtigkeit von Handlungen. Grundsätzlich ist Vertrauen notwendig zur Reduzierung von Komplexität und immer dann erforderlich, wenn der Nutzer mit einer ungewissen oder unsicheren Situation konfrontiert wird oder der Ausgang seiner Handlung risikobehaftet sein kann. Das „Zulassen können“ des Vertrauensgebers (Nutzer) einem Vertrauensnehmer (Unternehmen) zu vertrauen, bedeutet daher die Bereitschaft den jeweiligen Vertrauensnehmer nicht infrage stellen zu wollen und sich damit einem bestimmten Risiko auszusetzen. Insbesondere bei IT-Lösungen ist ein wichtiger Aspekt, dass Vertrauen beim Nutzer in erster Linie aufgrund der Vertrauenswürdigkeit eines Unternehmens und/oder deren IT-Lösungen entstehen kann – also dadurch, dass Unternehmen als Vertrauensnehmer mit verschiedenen Maßnahmen eine Vertrauensgrundlage schaffen. Institutionelles Vertrauen: Eine Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen IT-Lösungen nutzen, ist das Versprechen eines Mehrwerts. Das bedeutet im Umkehrschluss, wenn für die Nutzer kein Wertzuwachs durch deren Einsatz entsteht, sind sie kritischer in ihrer Beurteilung und dadurch weniger bereit, sich auf das jeweilige Produkt per se zu verlassen. Darüber hinaus müssen Unternehmen weitere Maßnahmen ergreifen, um Nutzer in die Lage zu versetzen, ihre grundsätzliche Vertrauensfähigkeit auf IT-Lösungen zu extendieren. Das kann ermöglicht werden, indem es gelingt, interpersonales Vertrauen – also das Vertrauensverhältnis, das aufgrund bestimmter eigener Kriterien zwischen Menschen entsteht – auf IT-Lösungen zu übertragen. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass im Verhältnis zwischen zwei Personen Vertrauen aufgrund der Fähigkeit zur Empathie aufgebaut wird und die individuell relevanten Kriterien direkt nachprüfbar sind. Diese Option ist in Bezug auf IT-Lösungen nicht gegeben, allein unter dem Aspekt, dass sich deren Verhalten beziehungsweise Funktionsweise nicht unbedingt nachprüfen lässt. Das institutionelle Vertrauen ist das Ergebnis der Transferleistung, also inwieweit Nutzer fähig und auch dazu bereit sind, ihr Vertrauen auf Institutionen wie etwa Unternehmen zu übertragen. Dieses Vertrauen kann in erster Linie durch das Unternehmen selbst, über die IT-Lösung sowie auch über die Vertrauenswürdigkeit der Domäne (positiv) beeinflusst werden. Wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit: Vertrauenswürdigkeit basiert auf der Annahme, dass es möglich ist, sich auf etwas Bestimmtes verlassen zu können. Im Regelfall beruht die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit auf offensichtlichen Funktionalitäten der IT-Lösung und Maßnahmen des Unternehmens, die dem Nutzer als Vertrauensgeber entweder aufgrund des ersten Eindrucks oder aus eigener Erfahrung oder über Dritte bekannt sind. Daran wird deutlich, dass es für Unternehmen zunehmend wichtig wird, eine Vertrauensgrundlage zu schaffen, indem sie relevante Aspekte der Vertrauenswürdigkeit sowohl für die IT-Lösung als auch das Unternehmen explizit darstellen, damit die Nutzer Vertrauen aufbauen können. Vertrauensfähigkeit: Grundsätzlich ermöglicht diese Personen oder auch Unternehmen zu vertrauen beziehungsweise ihnen etwas zuzutrauen. Basierend auf der individuellen Prägung eines Menschen oder dessen Vorerfahrung ist die Fähigkeit dazu unterschiedlich dominant. In diesem Sinne hat die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit einen Einfluss auf die Vertrauensfähigkeit des Nutzers und kann sich positiv auf diese auswirken. Unternehmen: Sind Hersteller oder Anbieter von IT-/Sicherheits-Technologien, -Produkten oder -Diensten, die auch als IT-Lösungen zusammengefasst werden. Nutzer: Darunter sind im Allgemeinen alle Nutzer von IT-/Sicherheits-Technologien, -Produkten oder -Diensten subsumiert, also auch Anwenderunternehmen. IT-Lösung: Im Kontext der Cyber-Sicherheit ist eine IT-Lösung eine allgemeine Anwendung mit entsprechenden Cyber-Sicherheitsmechanismen oder ein Cyber-Sicherheitssystem. Vertrauenswürdigkeit der IT-LösungIn diesem Abschnitt wird aufgezeigt, welche Aspekte der wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit zu beachten sind, damit der Nutzer Vertrauen zur IT-Lösungen aufzubauen kann. Aspekt: Transparenz einer IT-LösungDie Bereitschaft zur Transparenz zeigt sich in erster Linie darin, dass ein Unternehmen die Bedürfnisse der Nutzer ernst nimmt und bereit ist offen zu kommunizieren – also alle relevanten Maßnahmen ergreift, um sie beim Aufbau von Vertrauen zu unterstützen. Dies bedeutet jedoch keinesfalls, jedes Detail der IT-Lösung oder alle damit einhergehenden geschäftlichen Aktivitäten preisgeben zu müssen. Sondern, dass alle relevanten Informationen zur Verfügung gestellt werden, die für den Nutzer erforderlich sind, um im gegebenen Kontext eine valide Entscheidung über die Vertrauenswürdigkeit der IT-Lösung treffen zu können. Insgesamt fällt der Informationsqualität somit eine entscheidende Rolle zu – sie sollte partizipativ und besonders ausgewogen sein, also die Interessen aller Parteien gleichermaßen berücksichtigen. In der Vergangenheit war diese Form der Kommunikation nicht erforderlich. Aufgrund des mittlerweile hohen Komplexitätsgrads ist es jedoch unumgänglich so zu agieren, um das Vertrauen zu stärken und über die daraus entstehende Akzeptanz die Bereitschaft zur Nutzung zu erhöhen. Hier zeigt sich die Wechselwirkung zwischen Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit: Ein Unternehmen ist auf die Akzeptanz der Nutzer angewiesen. Andererseits ist es für den Nutzer – aufgrund der zunehmend intelligenten Angriffe und komplexeren Cyber-Sicherheitsmechanismen – zunehmend wichtiger, dass seine Cyber-Sicherheitsbedürfnisse auch angemessen durch die IT-Lösung befriedigt werden. Beipackzettel-Cyber-Sicherheit: Eine Möglichkeit der Transparenz ist zum Beispiel die Bereitstellung eines Beipackzettels, in dem beschrieben wird, wie mithilfe von Cyber-Sicherheitsmechanismen in der IT-Lösung dafür gesorgt wird, die Wahrscheinlichkeit der verschiedenen Angriffe zu reduzieren. Wichtig ist zudem aufzuzeigen, welche Restrisiken bestehen und wie der Nutzer damit umgehen kann. Darstellung von Zertifikaten: Ein weiterer wichtiger Aspekt der Transparenz ist die Zurverfügungstellung von vorhandenen Zertifikaten und die dazugehörigen Berichte, die es für die IT-Lösung gibt. Damit ist der Nutzer in der Lage festzustellen, welche Aspekte in welcher Tiefe von Cyber-Sicherheitsexperten der Zertifizierungsstellen analysiert und bewertet worden sind. Aspekt: Leistungsfähigkeit einer IT-LösungDie Leistungsfähigkeit einer IT-Lösung ist das, was der Nutzer unmittelbar erfassen und auch kontrollieren kann. Daher ergeben sich daraus die messbaren Kriterien für dessen Beurteilung, inwieweit er sich bei der Erreichung des beabsichtigten Einsatzzwecks unterstützt fühlt und wie gut die IT-Lösung tatsächlich dafür geeignet ist. Als Bewertungsmaßstab sind hier unter anderem Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit zu nennen. Von hoher Relevanz ist dabei auch, dass sich in der Leistungsfähigkeit der IT-Lösung die Kompetenz des Unternehmens dokumentiert. Denn letztendlich entsteht mangelnde Leistungsfähigkeit durch Fehler im Kompetenz- oder Strategiebereich. Daran zeigt sich somit sowohl die Verbindung als auch Wechselwirkung zwischen der Vertrauenswürdigkeit der IT-Lösung und dem Unternehmen. Als Bewertungsmaßstab kann einem Nutzer unter anderem die Bedienbarkeit oder die Leistungsfähigkeit der Cyber-Sicherheitsmechanismen dienen. Bedienbarkeit: Sind Cyber-Sicherheitsmechanismen und -Management für den Nutzer einfach oder sogar intuitiv zu bedienen. Beschreiben, dass sich z.B. die IT-Lösung in 5 Minuten sicher und vertrauenswürdig einrichten lässt. Leistungsfähigkeit der Cyber-Sicherheitsmechanismen: Wie stark verringert sich die Leistungsfähigkeit der IT-Lösung, zum Beispiel durch Verschlüsselung der Daten. Aufzeigen, dass es für den Nutzer nicht spürbar ist. Aspekt: Zweckprägnanz einer IT-LösungDie Zweckprägnanz manifestiert sich im Verwendungszweck der IT-Lösung. Für Unternehmen bedeutet dies, dass bei der Entwicklung Funktion und Intention der IT-Lösung zielgenau definiert sind. Daraus resultierend sollte in der Konsequenz der Einsatzzweck der IT-Lösung für den Nutzer klar offensichtlich sein. Aus diesem Grund gilt es darauf zu achten, dass der Zweck der IT-Lösung – auch durch den Einsatz charakteristischer Eigenschaften – leicht und unmittelbar erfasst werden kann. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch keinesfalls, dass mit der Zweckprägnanz eine geringe Funktionalität einhergehen muss. Des Weiteren ist es notwendig, jede relevante Änderung oder Erweiterung der IT-Lösung offen darzulegen – vor allem dann, wenn dadurch der originäre Verwendungszweck nicht mehr eindeutig erkennbar ist. Bietet eine IT-Lösung neben der eigentlichen Anwendung weitere Funktionen an, die nur im Sinn des Unternehmens oder dritter Parteien sind, müssen auch diese klar dargestellt und beschrieben werden. Beispiele dafür sind: Geschäftsmodell: Mithilfe des Geschäftsmodells „Bezahlen mit persönlichen Daten“ kann der Hersteller sensitive Daten der Nutzer sammeln und diese für individualisierte Werbung nutzen und/oder lukrativ an Dritte verkaufen. Neue Features: Das neue Erkennungssystem – Client Side Scanning (CSS) – von Apple, mit dem Daten auf dem iPhone nach kinderpornografischem Material anlasslos durchsucht werden sollen, hat zwar einen hohen gesellschaftlichen Wert stellt aber für den Nutzer ein Risiko im Sinne seiner Privatsphäre dar, allein aus dem Grund, da der Abgleich auf dem Endgerät stattfindet. Zudem ist es hierüber auch prinzipiell möglich, beliebig nach anderen Inhalten zu suchen. Neue Features sollten immer der Zweckprägnanz entsprechen. CSS hat nichts mehr mit dem eigentlichen Zweck eines Smartphones mit seinen Apps zu tun. Vertrauenswürdigkeit des UnternehmensIn diesem Abschnitt wird aufgezeigt, welche Aspekte der wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit für Unternehmen eine besondere Rolle spielen, um Vertrauen bei den Nutzern aufzubauen. Bei der Entscheidung zur Nutzung neuer IT-Technologien sind nicht ausschließlich die Aspekte der jeweiligen IT-Lösung ausschlaggebend. Im Gegenteil – die Reputation des Unternehmens spielt hierbei ebenfalls eine wichtige Rolle. Da sich aktuell zeigt, dass ein Vertrauen in IT-Technologien, -Anwendungen und -Dienste prinzipiell (noch) nicht uneingeschränkt gerechtfertigt ist, sind die Unternehmen gefordert weitere Bedingungen zu erfüllen, um den Grad ihrer Vertrauenswürdigkeit zu steigern. Hierzu müssen sowohl Hersteller als auch Diensteanbieter ihre Strategie nach außen sichtbar machen, um die Basis für den Aufbau von Vertrauen bei den Nutzern zu schaffen. In der Umsetzung bedeutet dies, ihr Handeln an den definierten Kriterien Zutrauen, Zuverlässigkeit, Integrität und Sicherheit auszurichten. Maßgeblich für die Definition ist dabei, dass die unternehmensspezifische Vertrauenswürdigkeit rational bewertbar gestaltet wird, um dem Nutzer die Möglichkeit zu geben, die entsprechenden Parameter schnell und einfach beurteilen zu können.
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