Identifikationsverfahren | |
![]() | Inhaltsverzeichnis Was sind Identifikationsverfahren?Identifikationsverfahren, auch Identitätsfeststellung oder Personenüberprüfung genannt, dienen dazu, die Identität einer natürlichen Person verlässlich festzustellen. Sie verknüpfen eine reale Person mit einer digitalen Identität und stehen am Anfang von Kontoeröffnungen, Mobilfunkverträgen und Verwaltungsanträgen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) beschreibt die Bewertungskriterien solcher Verfahren in seiner Technischen Richtlinie zur Identitätsprüfung natürlicher Personen. Grundlage der Prüfung ist in der Regel ein amtliches Ausweisdokument oder ein staatlich anerkanntes elektronisches Identifizierungsmittel. Die Identifikation findet einmalig zu Beginn einer Geschäftsbeziehung statt. Alle späteren Anmeldungen erledigt die Authentifikation, die eine bereits bekannte Identität wiedererkennt. Die Verlässlichkeit fällt je nach Verfahren sehr unterschiedlich aus. Deshalb ordnet die europäische eIDAS-Verordnung jedem elektronischen Identifizierungsmittel eines von drei Vertrauensniveaus zu. Die zentralen Bausteine eines Identifikationsverfahrens im Überblick:
Wie läuft ein Identifikationsverfahren ab?Der Ablauf folgt meist demselben Muster. Die Verfahren unterscheiden sich jedoch maßgeblich darin, ob ein geschulter Mensch, eine Software oder der Chip des Ausweises die Prüfung übernimmt. Erfassung der Identitätsdaten: Die Person legt ihr Ausweisdokument vor oder überträgt die im Chip gespeicherten Daten. Aus diesen Angaben entsteht der Datensatz der prüfenden Stelle. Echtheitsprüfung des Dokuments: Die prüfende Stelle kontrolliert Hologramme, Mikroschrift und maschinenlesbare Zone. Bei elektronischen Ausweisen belegt eine kryptografische Signatur des Chips die Echtheit der Daten. Abgleich mit der Person: Eine geschulte Fachkraft oder eine biometrische Gesichtserkennung vergleicht das Lichtbild mit dem Gesicht der Person. Der Schritt verbindet Dokument und Person. Lebenderkennung: Die Prüfung weist nach, dass die Person im Moment der Aufnahme selbst anwesend ist. Sie erkennt vorgehaltene Fotos, Masken und abgespielte Videos. Dafür dienen eine geforderte Bewegung, ein gesprochenes Zufallswort oder die Auswertung von Tiefe und Lichtreflexen.Protokollierung und Aufbewahrung: Die prüfende Stelle dokumentiert Ergebnis und Ablauf. Im Finanzsektor schreibt das Geldwäschegesetz eine Aufbewahrung von fünf Jahren vor. Welche Identifikationsverfahren gibt es?In der Praxis haben sich mehrere Verfahren etabliert. Sie unterscheiden sich in Aufwand, Sicherheit und rechtlicher Anerkennung. Welches Verfahren zulässig ist, hängt vom Einsatzzweck und dem jeweiligen Rechtsrahmen ab. Vor-Ort-Identifizierung: Geschultes Personal prüft Ausweis und Person direkt, etwa in einer Bank- oder Postfiliale. Das Geldwäschegesetz nutzt dieses Verfahren als Maßstab für alle anderen. Anfahrt und Wartezeit fallen an. Online-Ausweisfunktion (eID): Die Person liest den Chip ihres Ausweises per Smartphone oder Kartenleser aus und bestätigt mit ihrer PIN. Die Daten erhalten nur Anbieter mit einem staatlichen Berechtigungszertifikat. Das Verfahren ist nach eIDAS auf dem Vertrauensniveau hoch notifiziert. Videoidentifikation: Geschulte Beschäftigte prüfen Ausweis und Person in einem Videogespräch. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat die Anforderungen für den Finanzsektor in einem Rundschreiben festgelegt, darunter eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und eine Transaktionsnummer während der Sitzung. Automatisierte Identifizierung: Software gleicht Ausweisfoto und Selbstaufnahme ohne menschliche Beteiligung ab. Moderne Varianten lesen zusätzlich den Chip aus und ergänzen eine automatisierte Lebenderkennung.Identifizierung über ein bestehendes Konto: Das Verfahren stützt sich auf eine frühere Prüfung bei einem Kreditinstitut. Eine Referenzüberweisung weist die Person als Inhaber dieses Kontos aus. Welche Vorgaben gelten für Identifikationsverfahren?Identifikationsverfahren sind in Europa und Deutschland dicht reguliert. Drei Rechtsrahmen prägen die Anforderungen. Vertrauensniveaus nach eIDAS: Die eIDAS-Verordnung kennt die Stufen niedrig, substanziell und hoch. Sie beschreiben, wie stark ein Identifizierungsmittel gegen Missbrauch abgesichert ist. Das BSI überträgt diese Einstufung in seinen Technischen Richtlinien auf deutsche Verwaltungsverfahren und bewertet einzelne Verfahren danach. Pflichten nach dem Geldwäschegesetz: Kreditinstitute, Versicherer und weitere Verpflichtete müssen ihre Vertragspartner vor Beginn der Geschäftsbeziehung identifizieren. Zulässig sind die Prüfung eines vor Ort vorgelegten Dokuments sowie gleichwertige Verfahren mit vergleichbarem Sicherheitsniveau.Die europäische Brieftasche für digitale Identitäten: Mit der Novelle der eIDAS-Verordnung muss jeder Mitgliedstaat bis Ende 2026 eine European Digital Identity Wallet anbieten. Die geprüfte Identität liegt dann auf dem Smartphone und lässt sich europaweit für Verwaltung und Wirtschaft nutzen. Nutzer geben dabei einzelne Nachweise gezielt frei. Dentifizierung, Authentifizierung und Autorisierung: Wo liegen die Unterschiede?Die drei Begriffe beschreiben aufeinander aufbauende Schritte. Die Identifizierung stellt die Identität erstmalig fest und beantwortet die Frage nach der Person. Die Authentisierung ist der spätere Nachweis einer behaupteten Identität durch ein Passwort, eine Smartcard oder ein biometrisches Merkmal. Die Authentifizierung prüft diesen Nachweis auf der Gegenseite. Das BSI trennt diese beiden Seiten desselben Vorgangs sprachlich, während der englische Begriff Authentication beide umfasst. Nach erfolgreicher Authentifizierung folgt die Autorisierung. Sie legt fest, welche Rechte die geprüfte Identität erhält. Ein Beispiel zeigt die Kette im Zusammenhang. Ein Kunde weist sich bei der Kontoeröffnung mit seinem Ausweis aus, meldet sich später mit Passwort und Einmalcode an und gibt anschließend Überweisungen bis zu seinem Limit frei. Die Qualität des ersten Schritts bestimmt den Wert aller folgenden. Eine erschlichene Identifizierung entwertet jede spätere Zugriffskontrolle. Vorteile von Identifikationsverfahren, Risiken & HerausforderungenVorteile von IdentifikationsverfahrenBelastbarer Vertrauensanker: Eine saubere Erstprüfung trägt die darauf aufbauenden digitalen Prozesse. Anmeldungen und digitale Signaturen beziehen ihre Aussagekraft aus diesem ersten Schritt. Nachweisbare Rechtssicherheit: Geldwäschegesetz, eIDAS-Verordnung und die Technischen Richtlinien des BSI geben prüfbare Anforderungen vor. Unternehmen belegen damit im Audit, dass sie ihre Sorgfaltspflichten erfüllt haben. Durchgängige Digitalisierung: Elektronische Verfahren ersetzen den Gang in die Filiale. Vertragsabschlüsse und Verwaltungsanträge laufen dadurch ohne Medienbruch ab. Hohes Schutzniveau bei chipbasierten Verfahren: Die Online-Ausweisfunktion wertet eine kryptografisch gesicherte Signatur aus. Eine Fälschung des Dokuments fällt damit auf. Risiken von IdentifikationsverfahrenGrenzen der optischen Prüfung: Eine Videoübertragung gibt die Sicherheitsmerkmale eines Ausweises nur eingeschränkt wieder, so das BSI in seinem Anforderungskatalog zur Prüfung von Identifikationsverfahren. Die gematik als nationale Agentur für digitale Medizin untersagte die Videoidentifikation 2022 nach Bekanntwerden einer Schwachstelle und ließ 2025 eine Variante mit Chip-Auslesung wieder zu. Das BSI wies in 2026 auf die bestehenden Risiken für Injektionsangriffe auf Video-Ident hin. Folgeschäden bei Identitätsdiebstahl: Nachgelagerte Prozesse verlassen sich auf die Erstprüfung und wiederholen sie nicht. Angreifer schließen deshalb Verträge unter fremdem Namen ab. Betroffene bemerken das oft erst mit der ersten Rechnung. Sensible Datenbestände: Dienstleister verarbeiten Ausweisbilder, Videoaufzeichnungen und biometrische Merkmale. Ein Abfluss dieser Daten erleichtert weitere Angriffe dauerhaft. Solche Merkmale lassen sich nicht austauschen. Synthetische Identitäten: Angreifer kombinieren echte und erfundene Personendaten zu einem neuen Profil. Solche Identitäten fallen bei einer rein formalen Prüfung der Angaben kaum auf. Herausforderungen von IdentifikationsverfahrenAbbruchquoten im Onlinegeschäft: Jeder zusätzliche Prüfschritt kostet Zeit und führt zu Abbrüchen. Anbieter wägen das Sicherheitsniveau gegen die Zahl der abgeschlossenen Vorgänge ab. Angriffe mit künstlich erzeugten Medien: Ein Deepfake erzeugt in Echtzeit ein glaubwürdiges Gesicht. Videobasierte und automatisierte Verfahren benötigen deshalb eine laufend weiterentwickelte Lebenderkennung.Regulatorischer Umbruch: Die europäische Brieftasche für digitale Identitäten verändert den Markt ab 2027 grundlegend. Betreiber müssen ihre Prozesse auf dasneue Format vorbereiten. ![]() Identifikationsverfahren: Fragen und AntwortenHäufige Fragen (FAQ)Was ist ein Identifikationsverfahren? Ein Identifikationsverfahren stellt fest, welcher Mensch hinter einer behaupteten Identität steht. Es stützt sich auf ein amtliches Ausweisdokument oder ein elektronisches Identifizierungsmittel. Welche anderen Bezeichnungen sind gebräuchlich? Gebräuchlich sind auch Identitätsfeststellung und Personenüberprüfung. Beide meinen die erstmalige Prüfung, wer eine Person ist. Worin unterscheiden sich Identifizierung und Authentifizierung? Die Identifizierung stellt die Identität erstmalig fest. Die Authentifizierung prüft später den Nachweis einer bereits bekannten Identität. Was bedeutet Authentisierung? Die Authentisierung ist das Vorlegen des Nachweises durch die Person selbst. Die Prüfung dieses Nachweises auf der Gegenseite heißt Authentifizierung. Welche Vertrauensniveaus kennt die eIDAS-Verordnung? Die eIDAS-Verordnung kennt die Stufen niedrig, substanziell und hoch. Sie beschreiben die Absicherung eines Identifizierungsmittels gegen Missbrauch. Welches Vertrauensniveau erreicht die Online-Ausweisfunktion? Die Online-Ausweisfunktion ist auf dem Vertrauensniveau hoch notifiziert. Alle EU-Mitgliedstaaten müssen sie deshalb in ihren Verwaltungsverfahren anerkennen. Wie funktioniert die Videoidentifikation? Geschulte Beschäftigte prüfen Ausweis und Person in einem Videogespräch. Die BaFin verlangt dafür eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und eine Bestätigung per Transaktionsnummer. Wie sicher ist die Videoidentifikation? Ihre Sicherheit hängt von der eingesetzten Technik ab. Die optische Prüfung über Video hat Grenzen, moderne Varianten lesen deshalb den Ausweischip aus. Was ist eine Lebenderkennung? Eine Lebenderkennung weist nach, dass die Person bei der Prüfung selbst anwesend ist. Sie schützt vor Fotos, Masken und abgespielten Videos. Welche Rolle spielt Biometrie bei der Identifikation? Biometrie unterstützt den automatisierten Abgleich zwischen Ausweisfoto und Live-Aufnahme. Sie ergänzt die Dokumentenprüfung um ein zusätzliches Merkmal. Was ändert die europäische Brieftasche für digitale Identitäten? Jeder EU-Mitgliedstaat muss bis Ende 2026 eine solche Wallet anbieten. Die geprüfte Identität liegt danach auf dem Smartphone und ist europaweit nutzbar. Quellenangabe: eIDAS-Verordnung (Verordnung (EU) Nr. 910/2014) BSI (eIDAS-Notifizierung der Online-Ausweisfunktion) BSI (Anforderungskatalog zur Prüfung von Identifikationsverfahren, Version 1.0.1) Europäische Kommission (European Digital Identity Regulation, EUDI) BSI (BSI TR-03107 Elektronische Identitäten und Vertrauensdienste im E-Government) Geldwäschegesetz (§ 13 GwG, Verfahren zur Überprüfung der Identität) BaFin (Rundschreiben 3/2017 GW zum Videoidentifizierungsverfahren) gematik (Pressemitteilung zur Untersagung von VideoIdent in der Telematikinfrastruktur) Verwandte Einträge: Identifikation / Identitätsfeststellung eID-Verfahren des elektronischen Personalausweises VideoIdent / Videoidentifikation Zukünftige Verlinkungen: Zugriffskontrolle (Access Control) Ende-zu-Ende-Verschlüsselung Autor: Stand: 19. Oktober 2026 Weitere Informationen zum Begriff “Identifikationsverfahren”:
„Die Lage der Cybersicherheit in Deutschland im internationalen Vergleich" „Digitale Verantwortung ist (IT)-Sicherheit ein Wert oder benötigen wir Werte für die IT-Sicherheit?" „Übungsaufgaben und Ergebnisse zum Lehrbuch-Cybersicherheit“ „Bücher im Bereich Cyber Security und IT-Sicherheit zum kostenlosen Download"
„Master-Studiengang Internet-Sicherheit (IT-Sicherheit, Cybersicherheit)“ „IT-Notfall- Marktplatz IT-Sicherheit“ „IT-Sicherheitstools - Marktplatz IT-Sicherheit“ „Selbstlernangebot - Marktplatz IT-Sicherheit“ „Köpfe der IT-Sicherheit - Marktplatz IT-Sicherheit “ „Vertrauenswürdigkeits-Plattform" Summary ![]() Article Name Identifikationsverfahren DescriptionIdentifikationsverfahren stellen die Identität einer Person erstmalig fest und verknüpfen sie mit einer digitalen Identität, als Grundlage jeder späteren Anmeldung. Author Prof. Norbert Pohlmann Publisher Name Institut für Internet-Sicherheit – if(is) Publisher Logo ![]() |
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